Simikot

Unser Projekt liegt in Simikot auf etwa 3.100 m Seehöhe, im nordwestlichsten und entlegensten Gebiet Nepals. Simikot gehört zu den unterentwickeltsten Regionen weltweit. Straßen gibt es keine, alle Transporte werden auf Menschen und Tieren durchgeführt. Aufgrund der steilen, kargen Lagen und dem langen Winter leidet die Bevölkerung nahezu jedes Jahr bis zu 6 Monate an Hunger und Mangelernährung.

Die hohe AnalphabetInennrate (20% bei Männern, 60% bei Frauen), das strenge Kastenwesen und massive Armut bieten den Nährboden für das Festhalten an gefährlichem, rituellem Brauchtum, Ausbeutung und Gewalt. Hauptleidtragende sind Mädchen und Frauen.

Gewalt gegen Mädchen & Frauen

Frauen und Mädchen in Nepal sind tagtäglich mit einem unvorstellbaren Ausmaß an Gewalt konfrontiert. Die patriarchale Gesellschaft erzeugt ständige Gewalt, die sich auf vielerlei Arten ausdrückt: kein Zugang zu Bildung, Zwangs- und Kinderehen, Vergewaltigungen, Prügel, keinerlei Mitspracherechte, Verstoßungen aus der Familie. Aufgrund mangelnder institutioneller und gesellschaftlicher Unterstützung müssen Frauen und Mädchen ihr Martyrium meist ein Leben ertragen. Bezeichnend ist die bei nepalesischen Frauen und Mädchen zwischen 15 und 49 Jahren häufigste Todesursache: Selbstmord.

Auch in Simikot ist Gewalt gegen Frauen allgegenwärtig. Oft werden Mädchen schon im frühen Kindesalter mit wesentlich älteren Männern verheiratet und sind deren körperlichen, psychischen und sexuellen Übergriffen schutzlos ausgeliefert.

Beinahe alle Frauen berichten über regelmäßige Prügel und andere Formen von Gewalt. Wird ein Mädchen oder eine Frau in Simikot Opfer einer Vergewaltigung, muss sie ihren Vergewaltiger heiraten. Möchte sie sich aufgrund häuslicher Gewalt scheiden lassen, wird sie verbannt. Die Gesellschaft macht Mädchen und Frauen für die ihnen angetane Gewalt selbst verantwortlich.

Ab dem Zeitpunkt der Eheschließung werden Mädchen endgültig aus der Schule genommen, oft noch bevor sie lesen und schreiben können. Sie gehören nun den Familien der Ehemänner an; müssen verdientes Geld abgeben und in allen Lebensbereichen um Erlaubnis fragen.

„Jeden Tag wenn ich nach dem Holzholen ins Bett gehe, träume ich davon, ein Bub zu sein. Dann könnte ich Bücher lesen und mir ausmalen, was ich später einmal werden will.“

"Einmal hat er mich so fest geschlagen, dass mein Kopf stark geblutet hat. Ich bin nicht ins Krankenhaus gegangen, weil ich lieber sterben wollte, als mit diesem Mann weiterzuleben."

"Als sie vergewaltigt wurde, ist sie einfach nur still dagelegen. Sie wollte nicht, dass sie jemand hört. Sonst hätte sie ihren Vergewaltiger heiraten müssen."

"Ich wurde mit 12 Jahren mit meinem Mann verheiratet. Ich war noch ein Kind und hatte große Angst."

Chhaupadi

Hinduistische Mädchen und Frauen in Simikot praktizieren Chhaupadi. Der Tradition liegt der Glauben zugrunde, dass Mädchen und Frauen während ihrer Menstruation und nach der Geburt eines Kindes unrein sind.

Chhaupadi isoliert Frauen und Mädchen während ihrer Menstruation bis zu 7 Tage und nach der Geburt eines Kindes bis zu 30 Tage und zwingt sie, mit ihren jüngsten Kindern in Wäldern, Höhlen, Ställen oder Holzverschlägen zu übernachten, wo sie sexuellen Übergriffen, Entführungen mit dem Ziel der Zwangsheirat und Angriffen wilder Tiere schutzlos ausgeliefert sind.

In Simikot ist Chhaupadi aufgrund der Kälte lebensbedrohlich; in den Wintermonaten hat es bis zu minus 15 Grad Celsius. Schwere Erfrierungen und Erkrankungen sind die Folge und leisten einen traurigen Beitrag zu der in der Region stark erhöhten Mütter- und Kindersterblichkeitsrate.

Seit 2015 ist die Tradition Chhaupadi gesetzlich verboten, wird aber in den ländlichen und abgelegenen Regionen weiterhin praktiziert.

“Alle Ställe und Verschläge waren besetzt, also entschied ich mich, im Wald zu schlafen. Es war eine sehr kalte Nacht. Am Morgen habe ich meine Zehen nicht mehr gespürt. Die Ärzte haben eine Zehe entfernt.“

„In der Nacht kamen Burschen und Männer und warfen Steine und Kot auf uns. Sie sagten, dass wir uns dafür schämen sollten, zu bluten.“

"Manchmal kommen Männer und suchen sich eine Frau aus. Die nehmen sie dann, heiraten sie, missbrauchen sie und bringen sie zurück in die Chhaupadihütte."

"Während Chhaupdi fürchte ich mich vor wilden Hunden, Schakalen und Schlangen. Aber am meisten fürchte ich mich vor fremden Männern. "

Projektentstehung & Idee

Um die Lebenswelt von Frauen und Mädchen in Westnepal besser verstehen und gemeinsam mit den Betroffenen positiv verändern zu können, ging dem Projekt eine umfassende, dreimonatige partizipatve Sozialforschung voraus. Teilnehmerinnen wurden als Expertinnen ihrer eigenen Lebenswelt anerkannt und in den gesamten Projektplanungsprozess aktiv einbezogen.

So wurde unser Projekt Mahila Avaz – Women’s Voice geboren; gewachsen aus dem Ideenreichtum betroffener Frauen und Mädchen, modifiziert durch Wissen und Erfahrung des heutigen Projektteams.

Mahila Avaz – Women’s Voice hat sich die Beendigung von geschlechtsspezifischer Gewalt durch individuelles wie kollektives Empowerment zur Aufgabe gemacht. Unser Frauenhaus ist das einzige in der ganzen Region Humla (mehr als 50.000 EInwohnerInnen). Frauen und Mädchen finden in unserem Haus Schutz vor Gewalt und erfahren lebensnahen Kompetenz- und Wissenserwerb. Mit dokumentarischer Fotografie vereinen wir ganzheitliche Entwicklungszusammenarbeit mit eindrucksvoller Kunst und der Aufklärung der westlichen Zivilgesellschaft.